„Willkommen in Eschweiler!“: Jeder braucht Gemeinschaft

 

Kennenlernen und Vernetzen: Professionelle und ehrenamtliche Akteure der Flüchtlingsarbeit kamen im Ratssaal zusammen, um sich auszutauschen, einen Überblick über vorhandene Angebote und Ressourcen, aber auch Bedarfe zu gewinnen, um in Zukunft schnell und unkompliziert Ansprechpartner und Angebote zu finden. Foto: Andreas Röchter

 

Fordert ein Umdenken: Ibrahim Ismail, Vorsitzender des Paidaida e. V. und Lehrbeauftragter an der Ruhr-Universität Bochum, befürwortet die Abkehr von der Kultur der Versorgung hin zur Förderung. Foto: Andreas Röchter

Eschweiler. Die Integration von Menschen, die vor Krieg und Verfolgung geflüchtet und inzwischen in Eschweiler angekommen sind, ist als Generationenaufgabe zu verstehen. Die Erstversorgung und Unterbringung der neuen Mitbürger konnte inzwischen bewerkstelligt werden. Nun rücken neue Aufgaben in den Mittelpunkt.

Die Partner der Veranstaltungsreihe

Die von der Stadt Eschweiler initiierte Veranstaltungsreihe wird unterstützt vom Kommunalen Integrationszentrum der Städteregion Aachen mit Amtsleiter Timur Bozkir sowie vom städteregionalen Bildungsbüro mit Dr. Sascha Derichs. Gefördert wird das Projekt durch das Bundesprogramm „Kommunale Koordinierung der Bildungsangebote für Neuzugewanderte“ sowie durch das Landesprogramm „Komm-an NRW“.

Voraussetzung dafür war die Zusammenarbeit professioneller und ehrenamtlicher Akteure der Flüchtlingsarbeit. Sehr viel mehr Zeit wird der nun in den Mittelpunkt rückende Aspekt in Anspruch nehmen: Den Menschen unterschiedlichster Kulturen die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen.

Einer der Schlüssel und Türöffner, dieses Vorhaben in die Tat umsetzen zu können, heißt: Bildung. Im zurückliegenden Jahr konnte bereits eine große Anzahl von Bildungsangeboten ins Leben gerufen werden, die von den Bildungsträgern, der freien Wohlfahrtspflege und der Stadtverwaltung getragen werden. Unverzichtbar ist aber auch das Engagement von Ehrenamtlern. Mit dem Ziel, die professionellen und ehrenamtlichen Akteure zusammenzubringen und ihnen die Chance zur Vernetzung zu geben, initiiert die Stadt Eschweiler die Veranstaltungsreihe „Willkommen in Eschweiler! Bildung – Ehrenamt – Integration“. Während des nun dritten Fachforums tauschten sich zahlreiche in der Flüchtlingsarbeit tätige Personen aus, um sich einen Überblick über bereits vorhandene Angebote und Ressourcen zu verschaffen, ohne dabei die noch brachliegenden Bedarfe aus den Augen zu verlieren.

„Zahlreiche geflüchtete Menschen sind in den Jahren 2015 und 2016 in Eschweiler willkommen geheißen worden. In der Stadt herrschte Euphorie“, begrüßte Bürgermeister Rudi Bertram die Teilnehmer des Fachforums zunächst mit einem Blick zurück. Es gelte nun, das nach wie vor starke Engagement zahlreicher Bürger zu koordinieren. „Wir stehen vor riesigen Aufgaben, die nicht im Sprint, sondern nur während eines Marathonlaufs zu bewältigen sein werden“, so der Verwaltungschef. Bildung sei der Grundstock, der die Chance zur Integration und Teilhabe darstelle. „Mein Dank gilt den zahlreichen Ehrenamtlern, die auch heute mit ihrem zahlreichen Erscheinen ein klares Zeichen setzen. Sie bleiben auch in schwierigen Momenten am Ball. Das ist beeindruckend“, schloss Rudi Bertram, um das Wort weiterzugeben an Ibrahim Ismail , Lehrbeauftragter an der Ruhr-Universität Bochum und Vorsitzender des Vereins „Paidaida“, dessen Mitglieder den bildungspolitischen Auftrag verfolgen, „ein flächendeckendes Bewusstsein hinsichtlich der ungerechten Bildungschancen zu schaffen, um die Herstellung von Chancengleichheit als gesellschaftlichen Auftrag zu verankern“.

Der Referent warf unter der Überschrift „Angekommen!? Der Mensch und sein existenzielles Interesse am Gemeinwohl“ zunächst einen Blick auf die Geschichte der Einwanderung in die Bundesrepublik Deutschland, bei der von staatlicher Seite lange der arbeitsmarktpolitische Aspekt weit mehr im Fokus gestanden habe als die Integration der sogenannten Gastarbeiter.
Bildung und Bindung

„Zuwanderung wurde als zeitlich begrenzte Übergangserscheinung angesehen“, so Ibrahim Ismail, der 1985 aus dem damaligen Bürgerkriegsland Libanon nach Deutschland kam. Inzwischen zeige die hohe Zahl von Helfern, die sich zum Wohle zugewanderter Menschen engagierten, wie sich dieses Land weiterentwickelt habe. „Arbeit mit Menschen ist immer wertvoll, deshalb müssen wir diese in der öffentlichen Wahrnehmung hochhalten“, erklärte der Sportpädagoge, der auch auf die große Bedeutung von Begriffen hinwies. „Bezeichnungen wie Flüchtling, Asylant oder Migrant sind wenig hilfreich. Wir sprechen von Menschen, denen wir auf Augenhöhe begegnen sollten.“ Akteure der Flüchtlingsarbeit sollten Bindung zulassen und keine „Verteidigungslinien“ ziehen. „Teilhabe an Kultur zivilisiert und gibt Bildungsimpulse“, verdeutlichte Ibrahim Ismail. Als Orientierung für alle in Deutschland lebenden Menschen sollte nicht irgendeine Leitkultur dienen, sondern das Grundgesetz, „das die humanistischen Werte in den Mittelpunkt stellt“.

Demokratie bedeute Vielfalt, nicht Gleichheit. „Dies heißt auch, dass wir die AFD und selbst die NPD aushalten müssen“, schloss der Redner, der für seine Diplomarbeit „Streetwork im sozialen Brennpunkt – Perspektiven einer zeitgemäßen Sozialarbeit“ im Jahr 2008 den Universitätspreis des Rotary-Clubs Bochum-Hellweg erhalten hatte, seine Ausführungen.

Anschließend suchten die professionellen und ehrenamtlichen Akteure der Flüchtlingsarbeit das Gespräch und tauschten sich aus, um mögliche Kooperationen auszuloten und die Zusammenarbeit weiter zu intensivieren.

Von: Andreas Röchter

Für die Überlassung des Berichtes danken wir ganz herzlich der Lokalredaktion der Eschweiler Nachrichten und der Eschweiler Zeitung.